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Investigativ: Wir stecken unsere Nase in Garnier und hoppeln dem „Leaping Bunny“ hinterher!

Jul 17, 2021 | Info | 2 Kommentare

Mein neuer Arbeitstitel lautet „Ist Garnier wirklich tierversuchsfrei?“ Kurze Antwort: Ja und Nein. Im März 2021 lancierte Garnier, dass es jetzt „Leaping Bunny“-zertifiziert“ ist und ich konnte es kaum glauben. Daher habe ich mich auf die Suche nach dem „Leaping Bunny“ gemacht.

Tierversuche in Deutschland

Erstmal hat mich die Gesetzeslage interessiert. Hier eine kurze Aufstellung:

1986: Verbot von Tierversuchen in dekorativer Kosmetik (Deutsches Tierschutzgesetz)

1998: Verbot von Tierversuchen auch in pflegender Kosmetik (Deutsches Tierschutzgesetz)

2003: Verbot von Tierversuchen für die Prüfung von kosmetischen Inhaltsstoffen und Kosmetika, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU an Tieren getestet wurden, gültig ab 2009 (EU-Kosmetikrichtlinie)

2013: generelles Vermarktungsverbot für Kosmetika, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU an Tieren getestet wurden

Während meiner Recherche habe ich immer wieder gelesen, dass sich das Tierversuchsverbot auf fertige Kosmetik und kosmetische Inhaltsstoffe bezieht. Und damit gibt es ein Schlupfloch, um doch Tierversuche für Inhaltsstoffe zu beauftragen. Für alle Inhaltsstoffe, die nicht ausschließlich für Kosmetika verwendet werden, dürfen oder müssen sogar Tierversuche gemacht werden. Denn sie fallen unter die EU-Chemikalienrichtlinien REACH. Die Europäische Chemikalienbehörde (ECHA) fordert teilweise sogar Tierversuche.

Trotz Protesten und Widerspruch musste beispielsweise ein deutscher Hersteller 2018 für zwei UV-Filter Tierversuche durchführen lassen, um die Sicherheit der Arbeiter in der Cremeproduktion zu gewährleisten. Diese Tests hätten auch mit alternativen Methoden in der Petrischale durchgeführt werden können. So ein Wahnsinn! Das macht wütend! Ebenso können Firmen medizinische Gründe für Tierversuche geltend machen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft meldet 2019 rund zwei Millionen Versuchstiere gemäß § 7 Absatz 2 des Tierschutzgesetzes. Der Großteil davon waren Mäuse und Ratten. Das Gesetz spricht im Zusammenhang mit Tierversuchen von „wissenschaftlichem Zweck“. Zählt die EU- Chemikalienrichtlinie REACH als wissenschaftlicher Zweck oder geht die Anzahl der Tierversuche über die genannten zwei Millionen hinaus? Kommen EU-Gesetze oder deutsche Gesetze bei Entscheidungen und Statistiken zum Tragen?

Für mich als Privatperson verschwimmen in den Statistiken und Gesetzen leider klare Informationen. Die Vereinigung Ärzte gegen Tierversuche e.V. spricht noch im März 2021 davon, dass die Europäischen Chemikalienagentur ECHA durch REACH viele Verbote gegen Tierversuche kippen kann. Die lang erkämpften Rechte für Tiere und Gesetze gegen Tierversuche werden aufgeweicht. Echt zum K…..Kapitalismus und Lobbyismus sind sehr bestimmend in dieser Welt. Macht der hoppelnde Hase („Leaping Bunny“) die Welt vielleicht besser und geht Garnier mit gutem Beispiel voran?

Leaping Bunny“: Das Siegel von Cruelty-free-international

Das Siegel „„Leaping Bunny““ kennzeichnet eine Marke als tierversuchsfrei (cruelty-free). Voraussetzung für die Vergabe sind Nachweise und Beweise, dass die Marke weder Tierversuche selbst durchführt noch in Auftrag gibt und dass die Zulieferer entsprechend handeln. Dies gilt ab einem festgelegten Stichtag, für die Zukunft und nur für die ganze Marke, nie für einzelne Produkte. An keiner Stelle konnte ich eine eindeutige Aussage finden, dass das Siegel Tierversuche nach der EU-Chemikalienverordnung verbietet.

Eine Überprüfung der Einhaltung der „Leaping Bunny“- Richtlinien erfolgt jährlich. Garnier musste zur Erlangung des Siegels Nachweise von mehr als 500 Lieferanten und 3000 Inhaltsstoffe beibringen. Das Siegel „Leaping Bunny“ wird von „Cruelty-free international“ vergeben. Was mich stutzig macht, ist, dass es sich dabei gleichzeitig um eine Firma und einen Verein handelt. In welchen Topf fließen dann die Spenden? Wie unabhängig ist die Firma? Beim Punkt Spenden wird gleichzeitig etwas gejammert, dass sie keine Gelder aus Lotterien oder staatlichen Zuwendungen bekommen, was schon für mich ein Merkmal mangelnder Qualität ist. Aber gut, ich lass es mal so stehen.

PETA Deutschland hat beispielsweise auch ein Siegel (Hase mit Herzohren) für tierversuchsfreie Kosmetik, aber PETA ist ein Verein. Über die Gesetze hinaus sichert PETA zu, das Siegel nur Firmen zu vergeben, die sich keine Schlupflöcher nach der EU- Chemikalienrichtlinie REACH zunutze machen. Als besonders streng galt das Siegel „Hase mit schützender Hand“ des deutschen Tierschutzbundes. Leider konnte auch auf Nachfrage nicht herausgefunden werden, ob dieses Siegel noch existiert und wie mit REACH umgegangen wird. In Bezug auf das Siegel „Leaping Bunny“ habe ich ebenfalls keine Angabe gefunden, dass der Ausschluss von REACH für die Vergabe nötig ist.

Garnier und der „Leaping Bunny“

Garnier hat das Siegel „Leaping Bunny“ bekommen, da gibt es nichts weg zu diskutieren. Die Darstellung der Errungenschaft stößt mir etwas auf, da hier „tierversuchsfrei“ mit „nachhaltig“ gemischt wird. Sieht für mich ein bisschen aus, als wenn Garnier alle Zauberformeln hervorholt, um gut da zu stehen und einen grünen Eindruck zu hinterlassen. Das Nachhaltigkeitsprogramm von Garnier heißt „Green Beauty“ und suggeriert damit, dass es sich um Naturkosmetik handelt. Bei Garnier handelt es sich mit wenigen zertifizierten Ausnahmen nicht um Naturkosmetik. Bestenfalls kann man bei einigen Produkten von naturnaher Kosmetik sprechen. Wie dargelegt, ist auch unklar, ob der „Leaping Bunny“ auch vergeben wird, wenn die EU- Chemikalienrichtlinie REACH angewandt wird. Ich habe des Weiteren einen Blick in das Nachhaltigkeitsprogramm geworfen. Eine klare Linie im Sinne der Brundtland-Definition von Nachhaltigkeit konnte ich nicht erkennen.

Insgesamt verdienen die Bemühungen von Garnier dennoch eine Anerkennung, denn sie sind als erster Schritt in die richtige Richtung zu werten. Natürlich ist ganz viel Greenwashing dabei, denn der Trend der Zeit verlangt nach grünen Produkten. Wenn der wirtschaftliche Erfolg tatsächlich aus dem Umsatz ökologischer Produkte rührt und diese nachhaltig produziert wurden, wäre alles ok. Wenn das Wörtchen „wenn“ nicht wär….

Zählt Garnier jetzt zu den „Guten“?

Garnier ist weltweit ein absoluter Marktriese im Kosmetikbereich und Teil des weltweit größten Kosmetikherstellers L´Oreal. L´Oreal wiederum hat zwei Hauptgesellschafter. 30,8% der Anteile werden von der Familie Liliane Bettencourt gehalten und 29,6% vom Nestlé – Konzern. Willkommen in der globalisierten Welt, Mädels! Auf der Website von Garnier findet man zur Zugehörigkeit der Marke nichts. Das Siegel „Leaping Bunny“ wird für mich fragwürdig, es wirkt weniger echt. Denn es wurde eben doch nicht das große Ganze betrachtet. L´Oreal wurde eben nicht ausgezeichnet und ich stell mir in meiner Phantasie vor wie ein Labormitarbeiter von Garnier bei einem Kollegen von L´Oreal anruft „Hey, wir brauchen da mal einen kleinen Tierversuch zu xyz, könnt´ ihr da vielleicht was machen oder habt ihr dazu Infos, wir dürfen ja offiziell nicht…“. Das wäre ja kein Auftrag, das wäre ja nur ein Gespräch und L´Oreal ist vermutlich auch kein Zulieferer von Garnier.

L´Oreal macht aber offiziell seit 1989 keine Tierversuche mehr für seine Produkte und hat als Alternative zu Tierversuchen das Episkin-Modell maßgeblich mitentwickelt. Episkin ist künstliches menschliches Hautgewebe. Es bleibt aber die Frage offen, in wie weit die Schlupflöcher über die EU-Chemikalienrichtlinie genutzt werden. Auf die Frage, warum L´Oreal keine „Tierversuchsfrei- Zertifizierung“ hat, wird wahrheitsgemäß geantwortet, dass Produkte in China vertrieben werden. China schreibt für Kosmetikprodukte Tierversuche vor. L´Oreal hätte aber hier schon Meilensteine setzen können, so dass funktionelle Produkte wie Shampoo, Hautpflege und Make-Up nicht mehr getestet werden müssen. Diese Produkte wurden vermutlich auch schon vorher jahrelang in chinesischen Laboren ausgiebig getestet. Ironie off. Garnier- Produkte werden seit 2014 nicht mehr in China vertrieben. Ich habe mal tiefer in den Nachrichten gegraben. Der Grund für das Verlassen des chinesischen Marktes war nicht ethischer Natur, sondern rein wirtschaftlicher. Der Absatz war einfach zu gering.

Bleibt noch Nestlé. Der ewige Bösewicht, der weltweit sein Unwesen treibt und nach eigenen Angaben Tierversuche nicht komplett verhindern kann, da die Behörden das fordern. Ob die Behörden wohl auch die Abholzung des Regenwaldes für Palmöl und die Wasserprivatisierung fordern? Ich glaube eher nicht. Letztlich geht es den Großkonzernen ums Geschäft. Dabei ist es egal, ob Ethik wie der Verzicht auf Tierversuche oder die Privatisierung von Wasservorkommen in ariden Gebieten herangezogen wird. Am Ende des Jahres zählt, was in der Kasse ist.

Garnier ist Teil dieses Systems. Das ist nicht gut. Auch wenn hinter der „Leaping Bunny“- Zertifizierung und dem Nachhaltigkeitsprogramm Green Beauty letztlich kapitalistische Interessen stehen und Garnier fast keine zertifizierte Naturkosmetik anbietet, so macht es doch einen kleinen Unterschied für Tiere und Umwelt. Und das ist gut.

Verbraucher werden kritischer, nicht jedes Produkt kann heute komplett „grün gewaschen“ werden, Beweise müssen her. Garnier hat einen Beweis geliefert. Auch wenn unklar bleibt, ob nicht doch im Rahmen der EU- Chemikalienrichtlinie REACH Tierversuche beauftragt werden.

Mein Fazit

Wenn ich Garnier als Teil des großen Ganzen betrachte, ist es nicht frei von Tierversuchen. Auch wenn das Siegel „Leaping Bunny“ etwas anderes suggeriert. Zählt Garnier zu den Guten oder zu Schlechten? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wer tatsächlich kein einziges Produkt im Haus hat, das direkt oder indirekt zu L´Oreal oder Nestlé gehört, der werfe den ersten Stein…. Wer wirklich zertifizierte und tierversuchsfreie Naturkosmetik benutzen möchte, dem empfehle ich auf kleinere Marken, die nicht in Drogerien, Supermärkten oder Apotheken erhältlich sind, zurückzugreifen. Meines Erachtens ist der Spirit, der hinter der Firmenphilosophie steht, ein anderer. Ich hoffe es zumindest. Letztlich empfehlen auch Tierschutzorganisationen Verbrauchern, bei den Herstellern direkt nachzufragen, ob Tierversuche gleich nach welcher Verordnung durchgeführt werden. Nicht alle kleinen Hersteller oder Marken können sich übrigens eine kostspielige Zertifizierung leisten, sind vermutlich aber trotzdem absolut ethisch, cruelty-free und vegan unterwegs. Die Sesamstraße aus Kindertagen hat Recht behalten: „Wer, wie, was.. wieso, weshalb, warum…. Wer nicht fragt, bleibt dumm!“

Diesen Artikel hat Maren Hinterthür beigesteuert:

Maren Hinterthür ist studierte Geographin und schreibt über verschiedene Themen, die ihr Leben bereichern. Dazu zählen ökologische und gesunde Lebensführung und Nachhaltigkeit. Vieles hat sie selbst in diesem Bereich ausprobiert. Des Weiteren sind Länder, Menschen und Abenteuer ihre Faszination. Facettenreich schreibt sie u.a. zu touristischen oder länderkundlichen Themen. Sie liebt Handwerken und kann sogar Kühe melken.

2 Kommentare

  1. Tina

    Danke für diesen informativen Artikel!
    Was kann man tun, damit diese grausame Pflicht, Tierversuche auf europäischer Ebene durchzuführen, abgeschafft wird?

    Antworten
    • Spieglein Spieglein

      Hallo Tina, wir finden es super, dass du dich für das Thema interessierst. Natürlich ist es das Wichtigste, dass du als Verbraucher auf Produkt, die mit Tierversuchen getestet wurden, verzichtest. Es ist wirklich so, dass der Verbraucher es in der Hand hat, was auf den Markt kommt. Es ist nicht immer leicht, sich Informationen zu verschaffen. Gerade beim Kosmetik und Haarprodukten ist der Markt riesig. Tierversuchsfreie Produkte zu finden ist gar nicht so einfach. Paul Mitchell ist einer der Vorreiter bei tierversuchsfreien Produkten. Es sind vor allem kleine Unternehmen, die nachziehen. Bei Ärzte gegen Tierversuche bist du gut informiert. Diesen Verein kannst du auch unterstützen, denn nur gemeinsam sind wir stark und können so mehr erreichen. Hier mal der Link zur Website: https://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/de/ Wir würden uns freuen, wenn wir von dir bald mehr hören und du uns erzählst, was du unternommen hast. Ganz liebe Grüße von Gabi

      Antworten

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